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Blogartikel "Die Zukunft des Urheberrechts?"
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THEMA: Blogartikel "Die Zukunft des Urheberrechts?"
#28
ALorenz
Moderator
Beiträge: 13
graph
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Blogartikel "Die Zukunft des Urheberrechts?" vor 1 Jahr, 8 Monaten  
Den ganzen Blogeintrag finden Sie hier.

Das heutige Urheberrecht ist meines Erachtens zum Untergang verurteilt, da es auf die Unternehmen setzt, die die Vervielfältigung der Informationsträger übernehmen, also auf Verlage (Bücher) und Musikkonzerne (CDs). Lange Zeit waren diese Mittler zwischen Kreativen und Konsumenten unverzichtbar, da es keine effizientere Möglichkeit zur Verteilung gab. Das Aufkommen des Internets ermöglicht aber neue Vertriebswege für Informationen, die deutlich billiger und dadurch konkurrenzfähiger sind. Deswegen macht es auf lange Sicht keinen Sinn, die aktuelle Gestalt des Urheberrechts beizubehalten, wir werden es durch ein neues Konzept ersetzen müssen. Wie wird dieses Konzept aussehen? Meine These ist, es könnte eine Kombination aus Pauschalabgabe für eine Grundsicherung der Künstler und Autoren und einer freiwilligen Abgabe der Nutzer für ihre bevorzugten Bücher oder Musikstücke sein. Was halten Sie von dieser These?
 
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#65
EndresA1
Neumitglied
Beiträge: 1
graphgraph
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Aw: Blogartikel "Die Zukunft des Urheberrechts?" vor 1 Jahr, 5 Monaten  
Der Artikel steht schon seit September im Netz und hat bisher keinerlei Reaktion hervorgerufen. Das liegt bestimmt nicht am Thema. Hätte dieses Portal nur etwa 10% der Bekanntheit von Spiegel Online, Heise oder Netzpolitik, es wären mindestens ein Dutzend heftige Reaktionen gekommen. Die Mehrzahl hätte den Artikel von Herrn Lorenz so gelesen, wie man es aufgrund der Überschrift vermutet. Also wieder mal jemand der endlich das böse Urheberrecht abschaffen will.

Wer den Artikel liest, stellt fest, dass sich der Autor gar nicht so sicher ist, was er fordern will. Auch er hat Sympathie für geistig Schaffende. Es ist schon eine grobe Vereinfachung zu behaupten, dass das heutige Urheberrecht vor allem die Verlage schützt. Das Urheberrechtsgesetz schützt einzig und allein die Rechte des Urhebers. Dieser kann jederzeit auf seine Rechte verzichten (wie die Open-Source-Anhänger) oder sie jemand anderem übertragen, z.B. einem Verlag. Nur Verlage, nicht einzelne Autoren, sind überhaupt in der Lage, Verletzungen der Rechte von Autoren zu verfolgen. Ein Recht, das man – aus welchen Gründen auch immer – nicht gerichtlich verfolgen kann, ist kein wirkliches Recht.

Was mich an dem Blog noch stört, ist die unter Informatikern nicht selten anzutreffende Meinung, dass Information etwas ist, was eigene Rechte haben soll. Bei Information muss man an alle seine Formen denken, seien es Texte, Bilder, Programme oder Musikstücke. Wie kaum ein anderer versucht es Jaron Lanier [1] mit dieser Illusion – oder dieser Ideologie – gründlich aufzuräumen. Nach Lanier gibt es keinen Grund, warum Information frei sein muss. Sie ist weder etwas Lebendes, das ein Recht auf Freiheit hätte, noch eine besondere Substanz. Sie ist aber Ausdrucksmittel für jedwede Form einer geistigen, also nicht-materiellen Leistung. Wer Information nicht achtet, stehe sogar in einer Linie mit Mao Tse Tung, der meinte, dass sein Land keine Intellektuellen brauche, sondern nur Bauern und Fabrikarbeiter. Lanier ist sowohl Informatiker wie Musiker. Auf die Spitze treiben es seiner Meinung nach diejenigen, die verlangen, dass Musiker ihre Musik im Internet verschenken sollten. Ihren Lebensunterhalt könnten sie ja dadurch verdienen, dass sie ihren Fans physikalische Produkte, etwa T-Shirts, übers Netz verkaufen.

Mit iTunes hat die Firma Apple meines Erachtens nur den Beweis angetreten, dass die Musikindustrie auf einem zu hohen Preisniveau beharrte. Statt ein Musikstück für 10 Euro einmal zu verkaufen, passt es besser in unsere Zeit, es für einen Euro zehn Mal zu verkaufen. Will man mehr dafür haben, muss man einen Mehrwert anbieten, etwa noch einen Film hinzufügen. Dabei geht es nicht um eine Änderung von Gesetzen, sondern lediglich um neue Geschäftsmodelle. Dass diese möglich sind, ist ein Verdienst der Informatik und Informationstechnik.

Eine Kulturflatrate zu fordern, kann doch nur bedeuten, dass dann Politiker oder Bürokraten – noch mehr als heute – darüber entscheiden, was als Kultur angesehen und als solche alimentiert werden darf. Wer nicht gerade den Zeitgeist trifft, gilt dann als entartet und darf verhungern. Auch ist bei dieser Art von Vorschlägen klar zu trennen, ob man seine Rechte freiwillig einer staatlich gelenkten Verwertungsorganisation gegenüber abtritt, oder ob man seiner Rechte einfach beraubt wird.

In dem Maße, wie die sich die Abhängigkeit einer Volkswirtschaft von materiellen zu immateriellen Produkten verlagert, umso wichtiger wird ein klares Verständnis des Begriffs des geistigen Eigentums. Das Urheberrecht ist dabei ein Angelpunkt, an dem man am besten nicht rüttelt.

Albert Endres

[1] Lanier, J.: You Are Not a Gadget. New York: Knopf 2010
 
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#66
ALorenz
Moderator
Beiträge: 13
graph
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Aw: Blogartikel "Die Zukunft des Urheberrechts?" vor 1 Jahr, 5 Monaten  
Herzlich willkommen im Forum und vielen Dank für Ihren Beitrag!

Ich bekenne mich schuldig, dass ich mit der Behauptung, das Urheberrecht schütze vor allem die Verlage, eine sehr zugespitzte Formulierung gewählt habe. Natürlich hat der Urheber auch etwas davon, dass nicht einfach ein anderer Verlag sein Werk wild kopieren kann, ohne ihm einen Anteil davon abzugeben. Dennoch - wie Sie schreiben ist ein Recht, das man nicht verfolgen kann, kein wirkliches Recht. Und wer es verfolgt, sind aktuell die Verlage, was diesen wiederum eine bemerkenswerte Machtposition einräumt - vor allem in Kombination mit Absurditäten wie dem "fliegenden Gerichtsstand".

Gut, könnte man sagen, das sind Detailfragen, die zu klären sind, das Urheberrecht bleibt davon ja unberührt. Es ist aber zumindest an Strukturen angepasst, die lange Zeit gut funktionierten oder gar alternativlos waren, die aber durch den technischen Wandel angegriffen werden - und das wäre meines Erachten ein guter Grund, über eine Veränderung der Verwertbarkeitregelungen nachzudenken. Denn mit denen gibt der Urheber, der Produzent der Information, einen Großteil seiner Macht an den Verwerter ab, der in der Folge auch den dem Urheber zugesprochenen Schutz genießt. Das Band zwischen Urheber und Werk wird dadurch mehr geschwächt, als es den aktuellen (und vermutlich noch mehr den kommenden) Verhältnissen angemessen wäre. Ein interessanter Gedanke ist da zum Beispiel die Überlegung, dass der Urheber das Verwertungsrecht nur mehr vermietet, und nicht verkauft, das erstkaufende Unternehmen ähnlich wie beim Patentrecht für Arzneimittel nur für eine begrenzte Zeit tatsächlich die unbegrenzte Verfügbarkeit hat.

Übrigens findet sich zu den empirisch festgestellten Folgen des Urheberrechts in früherer Zeit ein sehr interesserantes zweiteiliges Interview mit einem Historiker auf Telepolis:
Wem nutzt das Urheberrecht?

iTunes ist nicht so viel günstiger als die CD als dem Handel: Das Musikstück kostet im Schnitt einen Euro, die meisten Alben zehn statt 14-18 - das Günstigere ist beim Kauf eines Einzeltitels, dass das Musikunternehmen es billiger anbieten kann, weil dafür keine eigene CD hergestellt und vertrieben werden muss. Ansonsten unterscheidet sich iTunes im Preis nicht so sehr von dem konventionelleren Vertriebsweg, denn man muss ja zumindest die Kosten für die CD und die Verpackung mit einrechnen, und eigentlich auch die für den Transport. Was bleibt, ist aber die Tatsache, dass Musik legal erworben wird, obwohl sie auch illegal leicht verfügbar wäre.

Bezüglich der Kulturflatrate kann man sich darüber streiten, ob es besser ist, wenn Politiker und öffentlich angestellte Bürokraten entscheiden, was Kunst ist, oder Unternehmer und privat angestellte Bürokraten. Erstere sind sicher mehr Konventionen und damit oft dem Geschmack früherer Zeiten verhaftet, letztere dem Zeitgeist bzw. aktuellen Geschmack. Der Politiker kann allerdings Kunst fördern, die gesellschaftlichen Mehrwert bringt, aber finanziell unrentabel ist, im Gegensatz zum Unternehmer. Ich stimme Ihnen aber in der Hinsicht voll und ganz zu, dass der Urheber die Hoheit über sein Werk behalten muss und nicht einfach zwangsbeglückt werden darf.

Was die Meinung angeht, Information müsse eigene Rechte haben, so halte ich sie für hanebüchen - Rechte sind meines Erachtens Individuen und in einer Erweiterung von Individuen geschaffenen Zusammenschlüssen wie Unternehmen, Vereine oder Staaten vorbehalten. Ich muss aber auch gestehen, dass ich der Meinung, die Information als solche solle eigene Rechte haben, bislang noch nicht begegnet bin. Die Freiheit der Information, von der viele Informatiker sprechen, ist meines Erachtens kein Freiheitsrecht der Information, sondern ein Verfügbarkeitsrecht der potentiellen Nutzer. Und in der Befürwortung eines freien Informationsflusses drückt sich die Überzeugung aus, dass Information prinzipiell ein Gut, eine Art von Wohlstand ist, die möglichst vielen zuteil werden sollte. Und dem stimme ich zu, vorausgesetzt, der Produzent wird angemessen entlohnt. Ich halte es für in vieler Hinsicht kontraproduktiv oder sogar gefährlich, Information künstlich zu verknappen.

Deswegen bin ich auch der Ansicht, dass das Urheberrecht nicht abgeschafft, aber angepasst werden muss. Und geistiges Eigentum muss mit einem sehr originären Schöpfungsakt verknüpft sein - wie dem Schreiben eines Buches, dem Komponieren eines Stücks oder dem Malen eines Bildes. Was hingegen nicht oder nur für kurze Zeit geschützt sein sollte, sind Arbeits- und Produktionsmethoden wie beispielsweise genetischer Code oder Softwarealgorithmen. Hier reicht eine gewisse Zeit aus, um mit einem neuen Produkt Marktanteile zu erobern und einen Platz auf dem Markt zu etablieren, danach geht es lediglich darum, Konkurrenten zu blockieren, die ähnliche Lösungen ja auch selbst entwickeln könnten. Ein Extrembeispiel ist Amazon, das sich in den USA die Bestellung mit einem Klick hat patentieren lassen - eine Absurdität sondergleichen.
 
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