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Wir sind Guttenberg!

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Mit dieser provokanten Headline möchte ich keine moralische These aufstellen. In moralischer Hinsicht vertrete ich die Meinung von Willi Reiners in "Tagesthema" auf Seite 1 des Böblinger Boten vom 2. März 2011:

"Nun ist er also doch zurückgetreten. Endlich. Karl-Theodor zu Guttenberg zieht die Konsequenz aus seinem schweren persönlichen Versagen. Er kam zu seinem Doktortitel, indem er seitenweise bei anderen abschrieb, ohne dies kenntlich zu machen. Damit verhöhnte er jeden einzelnen hart und ehrlich arbeitenden Studenten - und trat das Ethos der Wissenschaften mit Füßen. Dass dies keine Bagatelle ist, wie auch Politikerfreunde zunächst vorgaben, zeigt schon die Tatsache, dass ein strafrechtliches Nachspiel droht. Geistiges Eigentum ist in diesem Land geschützt".

Und weiter in derselben Zeitung in einer dort auf S. 4 unter der Überschrift "Guttenberg und das Netz" abgedruckten dpa-Meldung:

"Mindestens die Hälfte von Guttenbergs Dissertation ist nach einer Analyse der Plagiatsjäger vom Guttenplag-Wiki abgekupfert. Laut einer automatischen Auswertung seien 8000 der 16300 Textzeilen Plagiate, erklärten die Betreiber des Internetprojekts, unter anderem ein Doktorand, der anonym bleiben will. Sie bedauerten, dass der Verteidigungsminister bei seinem Rücktritt "keine klaren Worte zur offensichtlichen Täuschungsabsicht und zur Urheberschaft" seiner Dissertation gefunden habe. In dem Wiki dokumentieren Internetnutzer gemeinsam, wo Guttenberg abgeschrieben haben könnte. (dpa)".

Der letzte Satz ist es, der mich besonders angesprochen hat, und ich stelle hier die Frage, ob die vorhandenen Suchmaschinen für Textwiederholungen bzw. ähnliche Textstellen schon so leistungsfähig sind, dass sie Textquellen nachweisen können, wie ein Rechtschreibprogramm Fehler in der Schreibweise?

Die Zitiermaschine

Mit einem solchen Werkzeug könnten Plagiate zwar nicht verhindert werden, wären aber wohl nachweisbar. Sehr wünschenswert - ja notwendig - wäre es darüber hinaus, auch die Zitierung zu vereinfachen. Sie ist nicht nur umständlich - wie hier gezeigt wird - sondern auch für viele Leser abschreckend und fördert die Weitergabe von Wissen nur sehr indirekt - eben im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten.

Aber die, die mitten drin im (sozialen) Leben stehen, wollen und können nicht bei jeder Gelegenheit zitieren, vor allem diejenigen nicht, die Entscheidungen treffen müssen. Ihre eigentliche Botschaft besteht nicht aus einzelnen Wissenselementen, die irgendwer in die Welt gesetzt hat, sie wollen diese Elemente vielmehr zu einer neuen Aussage verbinden, und die soll problemlösend sein. Im privaten, wirtschaftlich-sozialen und politischen Alltag wird auch nicht nach der elementaren Wahrheit gesucht, sondern nach zweckmäßigen menschenwürdigen Lösungen. Sie bilden ein Mosaik aus verschiedenfarbigen Elementen des Wissens und der Wahrheit und stellen die eigentliche geistige Leistung dar, die auch Urheberrechtsschutz genießen sollte.

Eine Steigerung der geistigen Produktivität tut Not

Um ein technologisches Beispiel zu "zitieren", möchte ich hier auf die Geschichte des Automobilbaus hinweisen: zu den "Erfindern" unserer Autos, an die wir uns zu Recht erinnern, zählt neben C. F. Benz und C. Daimler insbesondere auch H. Ford, der die Fließfertigung im Automobilbau einführte - d. h. eine Methode, mit der die Teile sehr praktisch zu einem Ganzen montiert werden - und der damit die 2. Phase der Industrialisierung einleitete. Dazu aus Readers Digests Universallexikon, Band 10 (von 18), S. 91:

"Die ersten Automobile waren ausgesprochene Luxusfahrzeuge. Erst 1908 gelang des H. Ford, mit seinem Modell T ein Gebrauchsfahrzeug zu erschwinglichem Preis auf den Markt zu bringen. 1910 richtete er den ersten Service ein u. bildete systematisch Mechaniker aus. Die erste Bewährungsprobe ...".

Den weiteren Text lasse ich hier lieber weg. Die Fortsetzung ist zwar brisant, jeglicher Kommentar dazu würde diesen Beitrag jedoch sprengen und verfälschen. Man muss eine Auswahl der Elemente vorsehen, die in das Mosaik passen und die generelle Aussage verdeutlichen. Hier möchte ich nämlich nur auf die organisatorische, wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Faktorkombination hinweisen, die uns in der Güterproduktion entscheidend vorangebracht hat.

Die gleiche Vorgehensweise tut auch in der Wissensproduktion Not. Nur wenn es uns gelingt, die Produktivität unserer geistigen Arbeit um einen ähnlich hohen Faktor zu steigern, wie die der körperlichen, werden wir in die Lage versetzt, die vielen äußerst komplexen Lösungen zu finden, die wir für eine menschlichere Welt benötigen.

Das Gute an der Guttenberg-Affäre

Wenn man also etwas Gutes aus der Guttenberg-Affäre erkennen will, dann vor allem, dass er es wie alle Erfolgreichen gemacht hat, nämlich aus Wissensbausteinen neue Erkenntnisse bzw. Problemlösungen zu generieren. Sein Fehler war, nicht auf alle geistigen Väter (und Mütter) hinzuweisen, die elementare Vorarbeiten geleistet haben. Das ist - allgemein formuliert - auch die Methode, nach der wir im Alltag leben. Insofern sind wir alle Guttenberg. Die Informationstechnologie, d. h. in diesem Zusammenhang Computer und Internet, können uns helfen, eine entsprechende Wissensproduktion zu betreiben, ohne die geistige Urheberschaft zu verleugnen. Sie sind unsere Werkzeuge für mehr Lebensqualität. Nebenbei bemerkt: das Motto

"Mehr Lebensqualität durch Informationstechnologie"

ist von mir erstmals im Jahre 2007 anlässlich der Preisverleihung zum Thema "Bürgernahe Anwendungen der Informations- und Kommunikations-Technologie" der "Integrata-Stiftung für humane Nutzung der Informationstechnologie" in die Welt gesetzt worden. In dieser Stiftung entwickeln wir seitdem den Gedanken auf unserem Portal HumanIThesia weiter. Inzwischen ist ein 10 Thesen-Papier zur Verbesserung der Lebensbedingungen durch humane Nutzung der Informationstechnologie entstanden. These Nr. 4 daraus lautet: "Wiederherstellung des Vertrauens zwischen Kommunikationspartnern durch sachgerechte Information und freie Kommunikation". Siehe dazu auch: http://www.humanithesia.org/index.php/eu.html.

Google weiß es bereits!

Herzlich
W. Heilmann
(Stifter)


Kommentare
ALorenz
- 2011-03-08 at 14:23
Eine Vereinfachung der mechanischen Arbeit des Zitierens stellen Literaturverwaltungsprogramme dar, mit denen man Texte, aus denen man zitieren möchte, schnell erfassen kann, um dann die korrekte Fußnote durch wenige Klicks einfügen zu können. Was eine weitere Vereinfachung des Zitierens angeht, fallen mir aber keine konkreten Wege ein, denn:
- Gedanken anderer, gerade wenn man nicht mehr weiß, wo man sie aufgeschnappt hat, kann man im täglichen Gebrauch wiedergeben, ohne explizit die Quelle nennen zu müssen. Häufig dient das Nennen der Quelle v.a. einer höheren Glaubwürdigkeit des geäußerten Gedankens. Gerade Entscheidungsträger sind selten auf allen Gebieten, auf die sich ihre Entscheidungen beziehen, Experten, und müssen daher den Aussagen ebensolcher vertrauen.
- Geht es darum, die Urheber wichtiger Gedanken oder Lösungsansätze angemessen zu berücksichtigen, können Entscheidungsträger diese Aufgabe auch delegieren.
- In der Wissenschaft dient korrektes Zitieren nicht nur zum Schutz einer erbrachten geistigen Leistung (auch wenn dieser Punkt sehr wichtig und wesentlich ist), sondern auch einer besseren Überprüfbarkeit der Aussagen - denn wo ließen diese sich besser überprüfen als in den Primärquellen?

Bezüglich der Notwendigkeit einer Steigerung geistiger Produktivität kann man nicht anders als zustimmen. Das Internet ermöglicht uns, schneller Informationen zu einem Problem finden, die einzelnen Puzzlestücke zusammenzusetzen und aus bereits vorhandenen gedanklichen Teilen ein neues Ganzes zusammenzusetzen. Gerade in der akademischen Forschung hat es dadurch zu einer ungeheuren Produktivitätssteigerung geführt.

Um noch einen selbst zusammengesetzten Gedanken anzufügen: Wie in der Industrie Aufgaben an Maschinen übertragen wurden, werden wir in steigendem Maß erleben, wie Routineaufgaben (darunter nicht nur Berechnungen, sondern auch Rechereche) von Maschinen übernommen werden und daher Potenzial für kreative Aufgaben freisetzen. Und gerade bei sehr komplexen Systemen kommt man mit Lösungsansätzen ohne Maschinen nicht weiter, da einfache Berechnungen versagen und aufwändig zu ermittelnde Näherungslösungen gebraucht werden.

Das Ausmaß, in dem Guttenbergs Arbeit neue Erkenntnisse geschaffen hat, kann ich nicht abschätzen, ich vermute allerdings, dass seine Arbeit in dieser Hinsicht hinter anderen gleichartigen Werken deutlich zurückbleibt. Einerlei: Guttenbergs Plagiat hätte durch automatisierte Suchen sicher sofort bemerkt werden können; die qualitative Leistungsfähigkeit ist da, ich weiß aber nicht, ob das auch für die quantitative gilt. Google hat Hermann Maurers Arbeit zufolge durch die Limitierung der Suchanfragen pro Zeiteinheit und Anfragendem einen Riegel vorgeschoben, um höhere Beanspruchung ihrer Server und daher auch ihrer Technik zu vermeiden. Ökonomisch gesehen ist das für das Unternehmen leider sinnvoll, eine wirksame Plagiatssuche auf diesem Weg ist meines Wissens vorläufig nicht möglich.
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