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Gestaltung von Arbeit und Gestaltung von Technik Drucken E-Mail
Geschrieben von: Welf Schröter   
Freitag, den 02. Juli 2010 um 12:05 Uhr

Die betriebliche Mitbestimmung wird nicht nur von der Veränderung der Arbeitsverhältnisse herausgefordert, sondern auch von der auf dem Vormarsch befindlichen Arbeit via Internet. Welf Schröter, der Leiter des als Netzwerk zur Beratung von Betriebs- und Personalräten gegründeten „Forums soziale Technikgestaltung“, zeigt in seiner Denkschrift die Art der Umbrüche auf, die sich in der Arbeitswelt während der letzten zwanzig Jahre ereignet haben, und weist den Weg zu möglichen Antworten. Dabei richtet er das Augenmerk auf sieben Punkte, di e er als „Brechungen der Kontinuität“ bezeichnet und anhand derer er die Veränderungen der Arbeitswelt verdeutlicht. In diesem Rahmen beleuchtet er den Rückgang des klassischen unbefristeten Arbeitsverhältnisses, durch den die traditionellen Modelle der betrieblichen Mitbestimmung und Tarifeinigungen nicht mehr ausreichen, die schwindende Bedeutung des Betriebes als tatsächlichem Arbeitsort, die steigende Bedeutung der Mensch-Maschine-Kommunikation bei gleichzeitiger Mobilität des Arbeitnehmers sowie das Problem der Ungleichzeitigkeit in der Informationsarbeit, das die identitätsstiftende Bedeutung der Erwerbsarbeit schmälert. Als Lösungsansätze macht er eine mehr auf die Region als auf den einzelnen Betrieb bezogene Beschäftigtenvertretung und eine geeignete Übertragung der Arbeitnehmerrechte auf den virtuellen Raum aus, warnt aber auch, dass aufgrund der Vielgestaltigkeit der neuen Arbeitswelt auch die Lösungen vielgestaltig sein müssen.

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Als am 7. Oktober 1991 – vor fast zwanzig Jahren – das „Forum Soziale Technikgestaltung“ in Baden-Württemberg als beratendes pionierhaftes Personen-Netzwerk zugunsten von Betriebs- und Personalräten, von Vertrauensleuten und Gewerkschaften gegründet wurde, schien die Welt der Technikgestaltung deutlich übersichtlicher als heute. Die Industriearbeitswelt und das Ringen der Tarifpartner um die notwendige Humanisierung der Arbeitswelt als noch immer unabgegoltene konkrete Utopie der siebziger Jahre vollzogen sich in geradezu geordneten Bahnen. Die Akteure und ihre Rollen blieben – trotz der Widersprüche ihrer Interessen – einigermaßen überschaubar.

 

Der Ort des Geschehens war der Betrieb, der industrielle Arbeitsplatz. Es galt Wissen und Kompetenz in den Betrieb zu transferieren. Die Aushandlungsprozesse ergaben im optimalen Falle eine Anpassung der Technik und der Organisation an die Bedürfnisse und Anforderungen der Beschäftigten. Die Tarifpartner bzw. die betrieblichen Akteure gossen die Einigungen in angemessene Vereinbarungen. Mit dem Dreigestirn von Kompetenz, Interesse und Durchsetzungskraft war die Orientierung der Technikgestaltung in geeigneten Handlungskorridoren formulierbar.

Heute dominiert eine Unübersichtlichkeit der Verhältnisse, die in dieser Schärfe und Entstehungsgeschwindigkeit damals kaum absehbar war. Der gegenwärtige Blick in die Technikgestaltung verlangt nicht nur eine Ausdifferenzierung der Techniken und ihrer Implikationen. Vor allem zerlegen sich Interessenlagen. Die Arbeitswelt zu Beginn der neunziger Jahre ist durch die Brille des Humanisierungsansatzes mit der derzeit dominierenden Gemengelage kaum mehr vergleichbar. Mehr noch: Die strukturellen Brüche haben eine Tiefe erreicht, die den traditionellen Akteuren überraschende Grenzen aufzeigen. Soziale Technikgestaltung bedarf einer strategischen Neuausrichtung. Technikgestaltung als Baustein einer Strategie zum job-creating und zur Beschäftigungssicherung muss überkommene Bahnen verlassen.


Die sieben Brechungen einer Kontinuität

Die Grundlinien der partizipativen Technikgestaltung basierten primär auf den Kulturen der industriellen Arbeitswelt. Sie fußten auf einem Arbeits- und Arbeitsplatzverständnis, das durch den Dreiklang Ort, Zeit und Organisation bestimmt war. Diese über Jahrzehnte gültige Dreigliedrigkeit erlitt nicht erst nach dem Millennium herbe Risse.

Es scheint, als ob dem demokratischen unveräußerlichen Impuls der Mitbestimmung noch im laufenden Gestaltungsprozess der materiale Teppich unter dem Betriebsratsstuhl weggezogen würde. Die Rollenidentität des Gremiums Betriebsrat bzw. Personalrat beginnt sich zu häuten. Zum Erstaunen der Beschäftigten zeigt sich in den Augen des Arbeitgebers zumeist dieselbe Überraschung. Hinter dem Rücken der Produzenten verschiebt sich die Kernachse der Arbeitswelt um ein Vielfaches.

Brechung 1: Neue Infrastrukturen der Arbeit

Konnte in den achtziger Jahren noch mit Überzeugung davon gesprochen werden, dass mehr als achtzig Prozent der Arbeitsplätze in der Form des Normalarbeitsverhältnisses als stiller Norm der inneren Orientierung organisiert waren, so müssen wir heute feststellen, dass die Dominanz dieser Norm dramatisch an Einfluss verliert. Je nach Denkrichtung und Forschungsinstitut verschiebt sich die Relation 80:20 hin zu 60:40 oder gar 50:50. Aus einem achtzigprozentigen Anteil von Normalarbeitsverhältnissen gegenüber zwanzig Prozent damals noch als „atypisch“ titulierter Beschäftigungsvarianten wird immer mehr ein Gleichgewicht zwischen geregelter unbefristeter abhängiger Beschäftigung und vielfältigen Schattierungen neuer Selbstständigkeiten, neuer Freelancer, Part-Time-Worker, Auftragsjobber etc.

Neben die Flexibilisierung der Arbeitsformen (zum Beispiel Telearbeit) ist mit weitaus größeren Wirkungen die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse getreten. Die schrittweise Erosion des Normalarbeitsverhältnisses fordert erste Tribute.

Industrielle Organisationsstandards kollidieren mit den Experimentierwellen freihändiger Dienstleistungserbringung. Dabei sind die neuen Selbstständigen in ihrem Selbstwertgefühl nicht selten äußerst selbstbewusst und offensiv. Sie sehen sich nicht primär als Opfer böser Marktmächte, sondern als Pioniere neuer Arbeitskulturen. Allerdings schwächelt die Rolle des Vorreitertums, sobald die Personen stabile soziale Bindungen in Kombination mit Nachwuchswünschen eingehen und gewisse kulturell akzentuierte Altersgrenzen überschreiten.

Diese Kontinentalverschiebung des Verständnisses von Arbeit weg von der alten Norm hin zu neuen Wegen der Erwerbsarbeit, die noch keine feste neue Norm bzw. Normen aufweisen, erzeugt „Neue Infrastrukturen der Arbeit“. Mit diesem Werkstattbegriff beschreibt das Forum Soziale Technikgestaltung einen vielfältig irritierenden Übergangsprozess, bei dem man das alte Ufer zwar schon verlassen hat, am neuen Ufer aber noch nicht angekommen ist. Es entstehen mehr neue Beschäftigungen und Beschäftigungsformen als neue Arbeitsplätze. Tasking statt Jobbing.

Ein nicht unwesentliches Kennzeichen der „Neuen Infrastrukturen der Arbeit“ ist unter anderem darin zu erkennen, dass geregelte und eingeübte Zuständigkeiten, Standards und Rechte nicht mehr verlässlich greifen. Die Entgrenzung der Arbeitswelten ist mit der Bewusstwerdung der Grenzziehungen der Partizipationen verbunden.

Brechung 2: Entbetrieblichung und Prinzip Betrieb 

Die Migration von Geschäfts- und Arbeitsinhalten, von Abläufen und Prozessschritten, von immer komplexer werdenden Auftragsmodulen in virtualisierte Netzumgebungen stellt nicht einfach nur eine Kopie des Realen ins Digitale dar. Diese Wanderung des Contents berührt das Territorialgefüge des Arbeitslebens. Die technisch mögliche Ent-Ortung und Ent-Zeitlichung von Arbeitsvorgängen eröffnet mit der Ein-Wanderung ins Netz den Beginn der partiellen Auswanderung von Arbeit aus der geografischen Örtlichkeit Betrieb. Die Bindung und Bindekraft von Arbeitsvolumina an den Ort Betrieb lässt mehr und mehr nach.

Eine so verstandene Entbetrieblichung von Arbeit erzeugt eine Entäußerung von Arbeitswelten aus dem Prinzip Betrieb. Verlagerung von Arbeit meint nicht mehr nur eine Weitergabe von Tätigkeiten bzw. Produktionsvorgängen von einem Betrieb zum anderen nach dem Modell des Off-Shoring oder auch Near-Shoring, sondern die grundsätzliche Möglichkeit der Ablösung unserer Arbeitswelten vom Prinzip Betrieb als dominierendem Fokus der Wertschöp¬fung. Wir müssen lernen, uns auf Dauer plurale Arbeitswelten vorzustellen, die sich jenseits der Ordnungsstrukturen des Prinzips Betrieb konfigurieren. Das Unternehmen und die Unternehmensverfasstheit ist nicht mehr die allein vorherrschende Form der Organisation von Arbeit. Wesentliche Teile der Wertschöpfungsprozesse bilden sich außerhalb der betrieblichen Rollenlogiken.

Das betriebsbezogene Demokratiemanagement stößt somit an seine strukturellen Grenzen. Der Rückgang des Normalarbeitsverhältnisses wird kombiniert mit dem Bedeutungsverlust des Ortes Betrieb sowie mit den Relevanzeinbußen des Gremiums Betriebsrat im Hinblick auf job-creating und Beschäftigungssicherung. Zugleich kontert dieser strukturelle Veränderungsprozess die Rollenmacht eines Unternehmensmanagements bei der Stabilisierung von Wertschöpfungsketten.

Diese Beschreibung besagt nicht, dass das Ende der Struktur Betrieb und das Ende des Modells Normalarbeitsverhältnis sowie das Ende der Funktion Betriebsrat gekommen seien. Im Gegenteil: Die Changemanagement-Herausforderungen auf diesen Ebenen werden angesichts wachsender Komplexität massiv zunehmen. Abnehmen wird aber die normierende Kraft dieser Traditionen. Neben diese Erbschaften der Industriegesellschaft treten arbeitsweltliche Umgebungen, die in der Summe so einflussreich sein werden wie die bisherige Norm des betriebsarbeitsplatz-zentrierten Denkens. Die Pluralisierung der Arbeitswelten erzeugt relative Gewichtungen und strukturelle Relativierungen. Das Paradigma der betrieblichen Arbeitswelt kippt vermehrt von der Kategorie „Ort“ zur Kategorie „Prozess“. Die bisher handelnden Akteure werden diese Umwertung solange als Verlust an Bedeutung erfahren, solange sie nicht tragfähige flexible alternative Standards setzen, die starke Bindekräfte entfalten.

Brechung 3: Dematerialisierung und Virtualisierung

Auf dem Feld der industriellen Produktion und der produktionsnahen Dienstleistungen vollzog sich in den letzten Jahren ein sich beschleunigender Prozess der modularen Dematerialisierung und Virtualisierung von Geschäfts- bzw. Arbeitsvorgängen. Die Erstellung von Produkten und Dienstleistungen migrierte nicht ins Netz mit der Botschaft, der Porsche, der Daimler oder die Brezel entstehen vollständig virtuell, sondern der Weg der Wertschöpfung wird stufenweise und abschnittsweise virtualisiert. Das Produkt bleibt materiell, aber mehr und mehr Produktionsschritte erfolgen netzverbunden oder gar ausschließlich virtuell.

Die oben beschriebene Entbetrieblichung der Arbeitswelten basiert zunehmend auf der Virtualisierung ihrer Einzelvorgänge. Virtuell meint hier, dass für virtuelle Prozesse keine materiell-reale Entsprechung vorhanden ist. Neben die materielle Produktion tritt die virtualisierte Produktion als komplementäre wechselseitige Ergänzung. Die eine erweitert und ermöglicht die andere. Keine von beiden verschwindet. Virtuelle Arbeitswelten werden zu harten verbindlichen Kernbausteinen fast aller vorhandenen und kommenden Wertschöpfungsketten.

Auf der Grundlage der heutigen Erfahrungen und Einschätzungen lässt sich die für Betriebs- bzw. Personalräte dramatische These wagen, dass die Zukunft der Geschäfts- und Arbeitswelten nicht mehr allein am Ort Industriebetrieb oder allein am Ort der Dienstleistung sondern primär im Netz entschieden wird. Die Zukunft der Beschäftigungspotenziale wird an den virtuellen Nahtstellen der Wertschöpfungsketten bestimmt.

Das immaterielle Gewicht der Virtualität wird das materielle Gewicht realer Produktion im Hinblick auf die Generierung der Wertschöpfungspotenziale überlagern. Diese Formel wird sich jedoch nicht linear auf die Quantität von Jobbings oder Taskings übernehmen lassen.

Brechung 4: Electronic Mobility

In den Geschäfts- und Arbeitswelten haben sich das Kommunikationsgefüge und die Kommunikationsstruktur durch erheblichen Technikeinsatz qualitativ sehr gewandelt. Wäh-rend sich der anfängliche Informationsaustausch mehrheitlich als synchrone Mensch-zu-Mensch-Kommunikation fassen lässt, führt die IT-Anwendung mehrheitlich zur Implementierung der asynchronen Mensch-Maschine-Kommunikation. Diese wird optimiert durch die Entwicklung mobiler Endgeräte. Mobile Kommunikation basiert als „personale Mobilität“ auf dem unterwegs seienden Menschen, der über passende Endgeräte unterwegs erreichbar wird oder von unterwegs aus andere erreichen kann. „Personale Mobilität“ ist bislang noch vorwiegend Sprachkommunikation.

Die technischen Innovationen der jüngsten Jahre weisen einen anderen Weg. Sie öffnen den Einstieg in die „non-personale Mobilität“ (Schröter). Damit ist mit Hilfe von intelligenten Assistenz- und Delegationssystemen die Möglichkeit gegeben, Arbeitsvorgänge losgelöst von der Person mobil und zielgerichtet im virtuellen Raum zu organisieren. Eine derartige „Electronic Mobility“ gibt den Weg frei zur Rationalisierung des virtuellen Raumes.

Für die Gestaltung der Arbeitswelt stellt sich die überaus drastische Herausforderung, dass Arbeitsvorgänge losgelöst vom Ort Betrieb, losgelöst vom Menschen prozesshaft angelegt werden können. Der virtuelle Raum überschreitet dabei die Zuständigkeitsgrenzen betrieblicher Verfasstheiten. Das Ziel eines solchen nicht gestalteten technischen Prozesses beginnt Partizipationsrechte außer Kraft zu setzen und soziale Standards zu unterlaufen. Die Definierungen des Begriffes „Arbeitsplatz“ sowie dessen soziale, tarifliche und rechtliche Rahmenbedingungen treten in den Hintergrund.

Grundlage dafür sind Neuerungen, die eine Schwerpunktverlagerung der Kommunikationsstrukturen weg von der Mensch-Maschine-Kommunikation hin zur Maschine-Maschine-Kommunikation einleiten. Statt der Dominanz der Sprachkommunikation erhebt sich perspektivisch die Hegemonie der Datenkommunikation. Die alte Kultur der Kommunikation ist gefordert, wird erweitert oder geschwächt.

Brechung 5: Ungleichzeitigkeiten und New Blended Working

Das Spannungsverhältnis von industrieller und informationeller Ökonomie wird zusätzlich durch einen Faktor geprägt, der das Selbstbewusstsein und Bewusstsein der arbeitenden Menschen wiederkehrend hinterfragt. Die arbeitsweltlichen Erfahrungen und Umgebungen verhalten sich in der Wahrnehmung des Subjekts zueinander ungleichzeitig.

Zur synchronen Dreigliedrigkeit des Industriearbeitsplatzes von Ort, Zeit und Organisation tritt in der wissensbasierten asyn¬chronen Arbeitsrealität die Ungleichzeitigkeit des Ortes, der Zeit und der Verfasstheit von Arbeit als dauerhafte vierte Konstante. Die Arbeitswelten der Informations- und Wissensgesellschaften fußen unter anderem auf der Ungleichzeitigkeit des Realen mit dem Virtuellen. Eine derartige Ungleichzeitigkeit verlangt eine strukturell andere Emanzipationsstrategie. Sie schließt eine Emanzipation mit Hilfe der Virtualität und vor allem in (!) der Virtualität ein.

Diese operative Ungleichzeitigkeit des prozessualen Arbeitens fordert vom Subjekt, vom Individuum, die Ungleichzeitigkeiten des kulturellen Erfahrens und Bewusstwerdens nicht nur als ein vorübergehendes Phänomen anzusehen, sondern in diesem Phänomen eine auf Dauer angelegte Identität/Nicht-Identität zu erkennen. Die Erwerbsarbeit tritt als alleinige Kraft, die die Identitätsausbildung des Individuums prägt, in ihrer Wirkung zurück. Die Bedeutung der Erwerbsarbeit lässt für den Einzelnen nach. Andere identitätsstiftende Einflüsse nehmen zu. Dazu gehören das Gewicht der Kommunikation, der Urbanität, die Kraft der Ästhetik der Virtualität und der Sog der Flüchtigkeit.

Angesichts solcher Herausforderung stellt sich die Frage, ob es möglich sein wird, die Desynchronisierungen der Ungleichzeitigkeitsperformanz in ihren Auswirkungen zu bändigen. Hierfür könnte das vom Forum Soziale Technikgestaltung vorgeschlagene Konzept des „New Blended Working“ Geltung erlangen. Mit diesem Konzept soll arbeitsorganisatorisch und strukturell die Verknotung von nicht-virtuellen und virtuellen Arbeitsweisen geleistet werden. Grundlage für den Ansatz bieten die praktischen Erfahrungen im Bereich des geschäfts- und arbeitsprozessorientierten Blended Learning der letzten fünf Jahre.

Brechung 6: Netzwerkdenken und Region

„Neue Infrastrukturen der Arbeit“, Virtualisierung und Electronic Mobility offenbaren in ihren alltäglichen Wirkungen die Grenzhaftigkeiten und Begrenzungen des betriebsarbeitsplatz-zentrierten Denkens. Wenn der Betrieb bzw. die Verwaltung nicht mehr der allein dominierende Ort der Arbeitswelten sind, kann folgerichtig der Handlungsansatz der Beschäftigtenvertretung in ihrer Rolle als technikgestaltende und arbeitsichernde Impulskraft nicht auf den Ort Betrieb/Verwaltung reduziert sein.

Neben die betrieblichen Gestaltungswege treten die überbetrieblichen Notwendigkeiten. Dem bipolaren und eher vertikalen, interessenspolitischen Ansatz stellt sich ein Denken in horizontalen, multipolaren, überbetrieblichen Netzwerken zur Seite. An die Seite des Ortes Betrieb tritt der Ort Region als Ebene des Eingreifens. Regionale Innovationspartnerschaften bieten als Grundmuster ausreichende Voraussetzungen für neuartiges job-creating und soziale Technikgestaltung. Die Relativierung des Ortes Betrieb wird kompensiert mit der Aufwertung des Ortes Region. Zur Rolle der Interessensartikulation kommt die Rolle der ergebnisorientierten Zielmoderation.

Ein Netzwerkansatz als Verstärker der Emanzipationsbedürfnisse regionaler Akteure zeigt sich im Aufeinandertreffen von Electronic Government und Electronic Business. Gerade im Kontext einer regionalisierten E-Government-Strategie erweist sich die Netzwerkkompetenz als einer der Schlüssel zur Stabilisierung und Entfaltung der Standortpotenziale.

Brechung 7: SozialCharta Virtuelle Arbeit

Zu den großen Herausforderungen eines gewerkschaftlichen Gestaltungsweges und eines job-creating gehören sicherlich die Anpassung und die Transformation der errungenen sozialen Rechte und Standards.

Die zwischen Tarifpartnern festgehaltenen Berechtigungen und die staatlich abgesicherten Rechte sind Ergebnisse einer sich modernisierenden Industriegesellschaft. Deren Standards basierten vorwiegend auf dem Ort Betrieb als Achse des Handelns. Angesichts der heraufziehenden Informations- und Wissensgesellschaft reicht es nicht aus, den Gehalt der erreichten Kernpunkte in die Zukunft zu duplizieren. Unumgänglich ist eine qualitative Anpassung und Ausweitung der Rechte der Menschen im Vollzug ihrer pluralisierten Erwerbsarbeit.

In der industriellen Welt brachten die Subjekte ihre Aufmerksamkeit der materiellen Arbeitsumgebung entgegen und orientierten ihre Partizipationsforderungen an denselben. In der Informations- und Wissensgesellschaft muss der arbeitende Mensch über ein zweites Standbein seiner Subjekthaftigkeit verfügen, indem er Rechte als Subjekt im virtuellen Raum ausübt. Zur Emanzipation des Subjekts in der materiellen Arbeitsumgebung erwächst die Linie der Emanzipation des Subjekts in seiner virtuellen Rolle. Emanzipation gilt es auch im virtuellen Raum zu verankern.

Vor diesem Hintergrund startete das Forum Soziale Technikgestaltung sein Projekt „SozialCharta Virtuelle Arbeit“. Mit diesem Projektnetzwerk sollen neuartige Rollen-, Interessens- und Rechtemuster artikuliert werden, die Gestaltungsmöglichkeiten deut¬lich erweitern. Dazu zählen insbesondere die Themenfelder des individuellen Identitätsmanagements und der Avatarisierung der Arbeitswelten. Neben Zugänglichkeiten sind hierbei gerade auch die Neubestimmungen von Privatheiten und Erwerbsarbeitswelten kennzeichnend.
Die bereits eröffnete Diskussion über die Frage, ob softwareagenten-gestützte Avatare gerichtsfähige Rechtssubjekte darstellen, belegt unzweifelhaft, dass der virtuelle Raum als Emanzipationsumgebung sozial besiedelt und „tapeziert“ werden muss. Offen bleibt, ob es gelingt, die betrieblichen und nicht-betrieblichen Arbeitskulturen zu konvergenten Handlungen zu bewegen.


Umgestaltung der Arbeit für alle?

Vergegenwärtigen wir uns die genannten sieben Brechungen und deren Verzweigungen in die tradierte Arbeitsweltvorstellung, so lässt sich unschwer erkennen, dass ein kontingentes „Nur-Weiter-So“ auf dem Gebiet der Technikgestaltung und der Beschäftgungssicherungsstrategien kaum möglich ist. Es bedarf der Prüfung und der Evaluierung vorhandener sowie nicht-realisierbarer Unabgegoltenheiten. Ein gestaltendes Handeln, das sich allein an der bisherigen industriellen Arbeitswelt orientiert, muss auf Dauer ebenso scheitern, wie ein Handeln, das Virtualität einseitig dehnt und überhöht. Die konkurrierende und sich bedingende Pluralität beider Kulturen gilt es zur Grundlage neuen Agierens zu machen.

Dabei wird offenkundig, dass es die Umsetzung eines Traumes der Vollbeschäftigung (für möglichst 98 Prozent der beschäftigungsfähigen Menschen) im Sinne industrieller Normalarbeitsplätze nicht mehr geben wird. Die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, die zunehmenden Ent-Ortungen der Arbeitsinhalte und deren e-mobile Virtualisierun¬gen benötigen ein Patchwork-Konzept, das statt einer einzigen Norm eher vielfältige standardisierte Lösungen für Beschäftigungsvarianten bereithält. Eine derartige Umwälzung erfasst so gut wie alle Branchen und Tätigkeitsbereiche, Berufsgruppen und Arbeitsplatzdefinitionen. Noch vorhandene Nischen außerhalb des Spannungs¬gefüges von industrieller und virtueller Erwerbswelt werden verschwinden.

Es gilt, die soziale und solidarische Idee der Zugänglichkeit aller Erwerbsfähigen zur pluralen neuen Arbeitswelt auf der Basis divergierender Arbeitsverhältnisse zu lösen. Soziale Kohäsion als gesellschaftliche Bindekraft wird über das Normalarbeitsverhältnis alten Typs nicht mehr ausreichend zu gewährleisten sein.

Statt vertikaler kollektiver Subjekte werden sich verstärkt horizontale Netzwerke ihren Einfluss im Changemanagement erobern. Die Verfasstheit der Sozialpartner ist auf das erforderliche Challenge-Management noch nicht ausreichend vorbereitet. Vielleicht bieten die Erfahrungen der flexiblen globalen virtuellen „Open-Source-Gewerk¬schaften“ erste Antwortimpulse. Hinzu kommt: Die sich globalisierende IT-Gesell¬schaft fordert die konterkarierende Stärkung des regionalen Denkens.



Welf Schröter, Forum Soziale Technikgestaltung
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Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 12. August 2010 um 12:57 Uhr